Weltanschauliche Ordnungspolitik

Es gibt dringenden Reformbedarf im Verhältnis zwischen Staat und religiösen bzw. nichtreligiösen Weltanschauungen sowie den weltanschaulichen Gemeinschaften in Deutschland. Am Mittwochabend wurde darum dem Thema Platz in einer DLF-Sendung unter dem Titel „Die getaufte Republik – Kirche und Staat in Deutschland“ gewidmet.

Es wirkt recht paradox, doch hinsichtlich der zwei bis drei Millionen „Muslime“  in der Bundesrepublik – ich folge hier dem vorherrschenden Selbstverständnis der über 500.000 Alevitinnen und Aleviten in Deutschland, die sich als eigenständige Glaubensrichtung bzw. als eher „kulturelle Alevit*innen“ sehen – war der Handlungsdruck schon vor mehr als zehn Jahren erkannt worden. Es folgte die Einrichtung der Deutschen Islamkonferenz, mit der trotz aller Schwierigkeiten durchaus ein Erfolg erzielt werden konnte: die Etablierung eines öffentlich-wahrnehmbaren Dialogs zwischen staatlichen Institutionen und den Menschen, für die ein islamisches Glaubensverständnis identitätsprägend und lebensbestimmend ist.

Einen vergleichbaren Dialog zwischen Vertretern der Politik und konfessionsfreien Bürgerinnen und Bürgern in unserer Gesellschaft, der für Interessierte nachvollziehbar ist, hat es bisher allerdings nicht gegeben.

Dafür tragen die bis heute aus meiner Sicht von systematischer Benachteiligung betroffenen Konfessionsfreien teilweise selbst Verantwortung, denn die Tendenz, sich in geeigneten Interessenorganisationen wie dem Humanistischen Verband zusammenzuschließen, durch die dann Vertreter*innen für einen Dialog über eine weltanschauliche Ordnungspolitik bestimmt werden können, ist bedauerlicherweise noch stark entwicklungsbedürftig. Darum habe ich nach einem Ländervergleich jüngst einen längeren Beitrag der Frage gewidmet: Wie schaffen wir eine starke „Humanismus-Gewerkschaft?“.

Klar ist: Wir brauchen eine zeitgemäße weltanschauliche Ordnungspolitik, die einen tragfähigen Ausgleich zwischen der Menge legitimer Interessen im Verhältnis zwischen „Staat“ und den religiösen oder areligiösen „Weltanschauungen“ gewährleisten kann. Wir brauchen auch einen nachvollziehbaren Dialog zwischen staatlichen Institutionen und denen, die von der offenkundigen Schieflage in der heute immer noch anhaltenden kirchenzentrierten Praktizierung des im Grundgesetz angelegten Modells „kooperativer Laizität“ betroffen sind. Natürlich brauchen wir auch den Dialog mit denen, die weder den Status quo noch die Reformvorschläge von areligiös-humanistischer Seite als nachvollziehbar beurteilen können, wie sie etwa der Humanistische Verband macht.

Allerdings ist nicht für alle der offenkundig dringend nötigen Reformen die Etablierung einer „Konfessionsfreien-Konferenz“ auf Bundesebene nötig, denn viele Fragen liegen in der Verantwortung der Länder. Und auch in den Landes- und Regionalgemeinschaften im Humanistischen Verband, der die größte Organisation konfessionsfreier Menschen in Deutschland ist, gibt es eine Diversität von Schwerpunktsetzungen.

Es ist also in jedem Fall ein Grund zur Freude, dass wenigstens im Deutschlandfunk zunehmend Personen gehört oder miteinbezogen werden, die keiner Religion angehören wollen und die sich zugleich bewusst für die Unterstützung einer werteorientierten Gemeinschaft mit praktischem Engagement entschieden haben. Hier wurde ich im Rahmen der Sendung „Die getaufte Republik – Kirche und Staat in Deutschland“ gebeten, mich als „Konfessionsfreier“ zu äußern.

Zurück zur DLF-Frage: Ist Deutschland eine getaufte Republik? Sind „die Kirche“ und der Staat zu nah beieinander? Ich meine: Ja, wir brauchen eine zeitgemäße Umsetzung der religions- bzw. weltanschauungsbezogenen Vorgaben des Grundgesetzes. Wir brauchen mehr politischen Respekt dafür, dass Menschen ohne christlichen Glauben sich ihrem weltanschaulichen Selbstverständnis entsprechend nicht kirchenförmig organisieren und ein weltanschaulich-neutraler Staat dies von uns nicht verlangen darf, um gleiche Rechte und Teilhabe-Möglichkeiten zu erhalten. Ich meine aber auch: Wir brauchen eine starke „Humanismus-Gewerkschaft“. Denn ein altes humanistisches Sprichwort lautet: Von nichts kommt nichts.

Hier kann die Diskussion nachgehört werden…

 

tldr;

Auch wenn es bisher weder eine zeitgemäße weltanschauliche Ordnungspolitik noch eine ausreichende Sensibilität für die systematische Benachteiligung konfessionsfreier und nichtreligiöser Menschen in Deutschland gibt, ist die letzte DLF-Sendung ein prima Beitrag zur Einstimmung auf einen öffentlich nachvollziehbaren Dialog und notwendige Reformen.

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