Zeitrechnung

In welchem Jahr leben wir eigentlich?

Einen Teil des heutigen Vormittags habe ich verwendet, um mir einen immer wieder zurückgestellten Wunsch endlich zu erfüllen: einen Impuls zu setzen zur Bewusstmachung des zeitlichen Rahmens, in dem wir uns befinden. Denn allgemein wird zwar angenommen, heute sei der 2. Juni 2016 – für mich ist das allerdings eine Datumsangabe, die nicht selbstverständlich ist. Warum?

Zu der Zeit, in der ich lesen lernte, war es recht üblich, hinter Jahreszahlen die Kürzel v.u.Z./n.u.Z. zu setzen. Bedeuten sollte dies, dass der Autor einen Hinweis gibt, dass das genannte Jahr oder Kalenderdatum sich auf ein spezifisches Berechnungssystem bezieht – in diesem Fall wollten die Abkürzungen anzeigen, dass es sich um das christlich-gregorianische Kalendersystem handelt. Einige Jahre später ergänzte die wunderbare humanistische Utopie von Gene Roddenberry – in TV- und in Buchform – meine Ausbildung zum Menschen. Hier wurde die sogenannte Sternzeit verwendet.

Daher ist es für mich immer ganz normal gewesen, sich der Tatsache bewusst zu sein, dass das vorherrschende Kalendersystem nicht „der Weisheit letzter Schluss“ ist, sondern ein relatives und kulturell abhängiges Modell. Nun habe ich freilich keine „Allergie“ gegen die christlich-gregorianische Kalenderrechnung, denn ich arbeite seit Jahren problemlos damit. Doch als Person, die sich stets darum bemüht, sich die Realität möglichst selbständig bewusst zu machen und eine reflektierte Haltung dazu zu gewinnen, ist der Gedanke an die Fragwürdigkeit der hierzulande allgemein üblichen Kalenderrechnung nicht verschwunden. Aufgefallen ist mir zugleich, dass die einordnenden Kürzel wie v.u.Z./n.u.Z. nicht nur in „populärer“ Literatur heute so gut wie nicht mehr vorkommen, sondern dass sogar wissenschaftliche Publikationen oft darauf verzichten, diese Angabe zu machen.

Es liegt für die meisten Menschen in unserer Region des Planeten Erde auf der Hand, dass wir uns nicht tatsächlich in einem objektiv als solches zu bezeichnenden Jahr 2016 befinden. Denn das Wissen davon, dass das hiesige Universum um einige Milliarden „Jahre“ (auch dieser Begriff geht von einer Berechnung aus, die die Zahl der Vollendungen des Umlaufs der Erde um die Sonne als Grundlage nutzt) älter ist, ist erfreulicherweise mittlerweile relativ weit verbreitet – wobei sich vermutlich aber nur wenige Menschen häufiger deutlich bewusstmachen, wie unfassbar „riesig“ das Raum-Zeit-Kontinuum, in dem sich unsere Spezies – als ein winziges Stück Universum, das sich seiner selbst bewusst ist – befindet, tatsächlich ist. Lesenswert ist in diesem Zusammenhang unter anderem das Buch „Die Entdeckung der Tiefenzeit: Zeitpfeil und Zeitzyklus in der Geschichte unserer Erde“ von Stephen Jay Gould.

Nun sind Kalendersysteme wohl stets kulturelle Produkte, die relativ sein müssen, und es stellt sich die Frage nach einer Alternative, wenn man das christlich-gregorianische Berechnungsmodell nicht für schlüssig und den unkritischen Gebrauch als fragwürdig erachtet. Die Angabe des Tages ist dabei noch das kleinere Problem, denn der Tag-Nacht-Zyklus durch die Rotation der Erde ist ebenso eine physikalische „Konstante“ wie die Umlaufzeit der Erde um die Sonne nebst den Sonnenwenden als Anhaltspunkten, so dass auch ein weltanschaulich emanzipierter Mensch keine Schwierigkeiten mit der Verwendung dieser Bezugsgrößen haben muss.

Spannender ist hingegen die Frage, worauf man die Jahreszahl bezieht. Nach einiger Überlegung bin ich hier zu dem Schluss gekommen, dass es als die vorläufig sinnvollste Lösung erscheint, das Jahr der Verkündung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, verabschiedet durch die Vereinten Nationen als Reaktion auf die entsetzlichen Tiefpunkte menschlicher Kultur im „20. Jahrhundert“, zum Ausgangspunkt zu machen. Somit ist heute hier der „162. Tag im Jahr 68 nach AEMR“, wobei diese Berechnung das Jahr 1 am 22. Dezember 1948 nach christlich-gregorianischer Zeitrechnung beginnen sieht. Auch hier gibt es freilich noch Details, über die man diskutieren kann, aber als Versuch eines kleinen Gedankenanstoßes bin ich damit vorläufig zufrieden.

Zwar ist der Bezug auf die Verkündung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aus meiner humanistischen Perspektive erheblich sinnvoller als der mythisch-religiöse Bezugspunkt der christlichen Zeitrechnung, die vom Geburtsjahr einer Person, der bei den Gläubigen als der „Sohn“ eines Gottes gilt, ausgeht. Nicht nur, weil durch diesen Bezugspunkt die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sich Menschen dadurch die in der Erklärung enthaltenen Aussagen und die Anlässe ihrer schriftlichen Fixierung in Erinnerung rufen, sondern auch weil in der Jahreszahl zum Ausdruck kommt, dass die Entwicklungsgeschichte spezifisch humanistischer Kultur noch nicht so alt ist und wir da in vielerlei Hinsicht noch ziemlich am Anfang stehen. Wie übrigens auch das Anthropozän. Was kein Argument zur sorglosen Gelassenheit bieten soll, denn besorgniserregende Entwicklungen gibt es genug, aber vielleicht einen Impuls zur Stärkung der Perspektive und der Geduld, die bei der Bewältigung der vielen Probleme und Herausforderungen notwendig ist.

Trotzdem ist auch bei dieser Lösung noch einiges ungeklärt. Zum einen sehe ich noch keine Alternative für die Unterteilung des Jahres in Monate, wobei natürlich auch die Frage gestellt werden sollte, ob und warum eine Alternative dazu nötig oder sinnvoll ist. Gleiches gilt für die Unterteilung in Wochen, wonach bei einer unmodifizierten Übernahme des Berechnungssystems heute zugleich der sechste Tag der 23. Woche des Jahres 68 (nach AEMR) ist, was nun beispielsweise dieses Datumsformat ergäbe: 06.23.68. Die Zahlen könnten auch anders geordnet werden, etwa so: 68.23.06. Die Differenz zur Tages- und Wochenzahl nach christlich-gregorianischem Kalender ergibt sich hier daraus, dass das Jahr 1 (nach AEMR) am 22. Dezember, d.h. neun Tage früher als das Jahr nach vorherrschender Zeitrechnung, begonnen hat.

Zum anderen enthält das Berechnungssystem keinen Verweis auf den im Vergleich mit der Lebensspanne eines menschlichen Individuums doch enormen zeitlichen Rahmen, den die Zivilisationsgeschichte unserer Spezies umfasst, und der bewusstmachen kann, dass die Menschheit – trotz der „Jungheit“ spezifisch humanistischer Kultur – insgesamt bereits einige tausend Jahre Entwicklung hinter sich hat. Hier böte es sich vielleicht an, die Angabe des Tages und des Jahres um eine Angabe von Epochen zu ergänzen. Diese sinnvoll bestimmen könnte wohl nur ein größerer Kreis von Menschen.

Nach dem in diesem Beitrag skizzierten Kalendermodell ist heute jedenfalls „Samstag“ und somit schließe ich hier nun ab und wünsche schon mal ein schönes Wochenende.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.