Humanisten, Säkulare und Skeptiker in Russland

Wie ist die Lage von nichtreligiösen Menschen im Reich Wladimir Putins? Die heute in England lebende Mathematikerin Veronika Kuchta berichtet über die Entwicklung der Organisationen von Konfessionsfreien in der postsowjetischen Republik.

Kuchta ist unter anderem Mitglied der British Humanist Assocation, einem der größten und traditionsreichsten humanistischen Verbände weltweit, und als Russlanddeutsche sehr gut mit den Gegebenheiten in sowohl ihrem Geburtsland als auch der Situation in europäischen Staaten vertraut. Seit einigen Monaten versucht sie, die Russische Humanistische Organisation mit ihren Erfahrungen aus Europa zu unterstützen. Denn deren Lage ist erschreckend schlecht. Und auch aus Skeptiker-Perspektive sieht es nicht gut aus in dem Land.

Frau Kuchta, Sie stehen seit längerer Zeit in engem Kontakt mit säkularen Organisationen in Russland. Wie ist die Lage der Verbände?

Veronika Kuchta: Ich muss ehrlich sagen, dass ich etwas geschockt war, als mir klar wurde in welchem Zustand sich die Russische Humanistische Organisation (RGO) befindet. Ich habe den heutigen Präsidenten der RGO, Yaroslav Golovin, im letzten Jahr auf dem World Humanist Congress in Oxford kennengelernt. Er hat mir damals erzählt, dass aufgrund der politischen Entwicklung der letzten 15 Jahre und der immer stärkeren Re-Klerikalisierung des Landes sich die Interessen der Menschen dramatisch verändert haben. Jahrelange hat eine gründlich ausgearbeitete Propagandamaschinerie die Weltanschauungen vieler russischer Bürger immer weiter von humanistischen Werten entfernt. Yaroslav Golovin hat mich damals eingeladen, der RGO zu helfen und meine Erfahrungen in der British Humanist Association – deren Mitglied ich seit mehr als zwei Jahren bin – mit den noch verbliebenen RGO-Mitgliedern zu teilen. Das war nun wirklich eine sehr gute Gelegenheit, mir ein sehr genaues Bild des gesamten Problems zu machen. Wie ich feststellen konnte, ist es so, dass auch viele von den wenigen noch aktiven Mitgliedern außer der atheistischen Überzeugung keine weiteren humanistischen Werte mehr teilen. Ich fand es schockierend, als ich von mehreren Mitliedern – die sich ja selbst als Humanisten bezeichnen – sehr viel Negatives über LGBT-Gruppen, eine sehr negative Einstellung zu Abtreibungen, die Befürwortung der Todesstrafe und Rechtfertigungen des Gerichtsurteils im Falle der Pussy Riot hörte.

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Der belgische Soziologe und Präsident der Europäischen Humanistischen Förderation Pierre Galand (2. v.l.) zu Besuch bei Vertretern der Russischen Humanistischen Organisation im Juni 2014. Foto: EHF

Wie engagieren Sie sich denn konkret?

Wir haben nun zunächst im November 2014 ein Projekt gestartet: Jeden Sonntag treffen sich ca. zehn bis zwölf Mitglieder in der Skype-Konferenz und besprechen entweder humanistische oder organisatorische Fragen der RGO. So haben wir das Manifest der russischen Humanisten ausgearbeitet, darin kann man z.B. sehen, dass ein besonderer Wert auf eine demokratische Regierung gelegt wird, die die Rechte der Menschen auf Meinungsfreiheit unterstützt. Darin deutlich wird auch eine klar ablehnende Position zu dem nicht so alten russischen Gesetz „über den Schutz der religiösen Gefühle“, dessen Opfer Pussy Riot geworden sind und auch viele andere dieses Jahr zum Beispiel, die ihre Meinung zur Unterstützung von Charlie Hebdo äußerten. Die Idee dieses neuen Manifestes kam von Golovin, der damit die Werte und Ziele der russischen Humanisten besser hervorheben wollte. Er berichtete mir zudem, dass einer der Gründe dafür, dass viele Mitglieder eigentlich keine „Humanisten“ seien, darin läge: zur der Zeit, als die Organisation noch einigerweise funktionierte und sogar regelmäßig das humanistische Magazin herausgab, das war noch zu den Zeiten des ehemaligen Präsidenten und Gründers von RGO, Valerii Kuvakin, viele Mitglied der RGO wurden, weil sie dadurch die Möglichkeit sahen, ihre Schriften oder wissenschaftlichen Artikel zu publizieren. Dabei hatten die meisten von ihnen nur wenig Vorstellung von humanistischen Werten. Als das Magazin eingestellt wurde ist die RGO praktisch zerfallen. Von den meisten regionalen Gruppen hört man nichts mehr, es gibt nur noch ein bis zwei richtig funktionierende „humanistische“ Regionalgruppen. Eine davon ist die St. Petersburger Gruppe, die sich immer mehr in Richtung „kommunistischer Humanismus“ entwickelt und eigentlich keine demokratischen oder liberalen Werte mehr vertritt. Von anderen Leitern der regionalen Gruppen habe ich gehört, dass die Menschen sich nicht mehr dafür interessieren oder die, die vielleicht noch ihre ehemalige Weltanschauung behalten haben, einfach Angst haben, sich in humanistischen Gruppen zu engagieren, weil sie damit leicht zu Staatsfeinden erklärt werden könnten. Also im Moment funktioniert in der RGO außer den wöchentlichen Skype-Konferenzen zwischen einem Dutzend Leuten eigentlich sehr wenig. Es gibt keine regelmäßigen Treffen, keine Konferenzen finden mehr statt. Sie wollen in diesem Jahr die jährliche Konferenz zum Welthumanistentag doch stattfinden lassen, nur ist es im Moment nicht klar, ob etwas daraus wird, und ob überhaupt jemand zu der Konferenz kommt.

Eine andere noch recht gut funktionierende säkulare Organisation ist die Good Sense Foundation (in etwa: Stiftung für geistige Gesundheit, d. Red.). Diese ist etwas besser organisiert als die RGO. Sie versuchen sich doch noch zu treffen und führen Konferenzen durch. Aber ich kann auch verstehen, warum sie doch noch besser funktionieren: sie versuchen einfach alle Fragen, die irgendwie die Politik betreffen würden, zu vermeiden. Als Beispiel kann ich sagen, dass sie sich zu den Anschlägen auf Charlie Hebdo überhaupt nicht geäußert haben. Sobald es um Menschenrechte oder politische Fragen geht, dann wird es eben sehr schwierig in Russland.

Wie war früher die Situation?

Noch bevor die Krise in der RGO begann, soll es wohl über 30 regionale Gruppen gegeben haben, verteilt über die gesamte Fläche Russlands. Diese Information findet man auf jeden Fall noch auf der Webseite der RGO. Laut dem heutigen Präsidenten ist es jetzt unmöglich herausrauszufinden, ob die Gruppen noch aktiv sind. Er sagte aber auch, dass es auch vor der Krise nicht klar war, wie aktiv die Gruppen waren, denn es gab nie einen richtigen Kontakt zwischen den meisten Gruppen und der Leitung der RGO in Moskau. Nachdem, was man online erfahren kann, gibt höchstens vielleicht noch drei aktive Gruppen: in Kirov, Astrakhan und St. Petersburg. Die Gruppen in Kirov und St. Petersburg haben vor vielen Jahren schon einen – ich sage es mal so – besonderen Weg eingeschlagen. Deren humanistischen Werte basieren eher auf dem marxistischen Humanismus, was die führenden Kräfte in der RGO-Hauptstelle absolut nicht zufrieden gestellt hat und den Präsidenten dazu bewegte, das neue Manifest verfassen zu wollen. Yaroslav Golovins Begründung war, dass die kommunistischen Geschichte Russlands sehr deutlich gemacht hat, dass die Freiheiten der einzelnen Menschen minderwertig oder unbedeutend im Kommunismus sind – was dem modernen Humanismus der heutigen Zeit absolut widerspricht. Daher gingen diese beiden Gruppen ihre eigenen Wege. Die Astrakhaner Gruppe ist sehr ähnlich zur Moskauer, da gibt es nur wenige Mitglieder, die sich fast gar nicht treffen und ein wirkliches Problem haben, ihre Ziele zu formulieren.

Nur die Good Sence Foundation und einige Skeptiker-Gruppen in Moskau funktionieren wirklich noch als säkulare Organisationen, aber nur weil die Mitglieder ihre Arbeit strikt von jeder politischen Einmischung abgrenzen und sich eher auf die Popularisierung der Wissenschaft konzentrieren.

Wie ist denn die Altersverteilung bei den verschiedenen Gruppen?

Die wirklich aktiven Gruppen der Skeptiker und der Good Sense Foundation vereinen eher jüngere Leute. Die zwei „humanistischen“ Gruppen in Kirov und St. Petersburg bestehen eher aus älteren Leuten, noch Erinnerungen aus früheren Zeiten in die Gruppen einbringen. Die Moskauer Gruppe der Humanisten ist ganz schön gemischt, was das Alter ihrer Mitglieder angeht.

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Messe der russisch-orthodoxen Kirche in St. Petersburg. Foto: spbpda / Flickr / CC BY-SA

Nicht nur das 2013 verschärfte „Blasphemie“-Gesetz hat Beobachter erschreckt, auch wegen seiner homosexuellenfeindlichen Gesetzesreformen war Russland oft in den Schlagzeilen in den vergangenen Jahren. Wie ist denn die generelle Lage für nichtreligiöse Menschen im Land?

Also dass nichtreligiöse Personen in Russland verfolgt werden kann man so nicht sagen, aber dass Nichtreligiöse, die auch für Menschenrechte eintreten oder sich auch irgendwie negativ über die Regierung äußern, verfolgt werden oder deren Handlungsfreiheit eingeschränkt wird, das ist garantiert. Wenn Nichtreligiöse zum Beispiel in einer öffentlichen Aktion den Menschen in Russland erklären wollen, dass die russische Verfassung eine klare Trennung zwischen Kirche und Staat vorsieht, dann wird es natürlich nicht durchkommen. Im Staatsfernsehen und den anderen staatlichen Medien wird man heute keine Sendungen, Berichte mit atheistischen, humanistischen, säkularen Themen mehr finden. In den Schulen werden nun viele Bücher, sogar für naturwissenschaftliche Fächer, von der Kirche zensiert. Ich habe vor kurzem ein Foto gesehen, auf dem ein Buch mit dem Titel „orthodoxe Grundlagen der Biologie“ abgebildet war – klingt unglaublich, aber das Foto war leider kein Fake. Und da kann man sich schon vorstellen, dass es in solcher Gesellschaft, die unter anderem auch von der orthodoxen Kirche „überwacht“ wird, nicht einfach ist, sich als Nichtreligiöser zu äußern.

Laut dem CIA Factbook etwa 20 Prozent der Bevölkerung Russland praktizierende Christen, rund zehn bis 15 Prozent Anhänger der islamischen Religion. Das Auswärtige Amt der Bundesrepublik benennt außerdem Judentum und Buddhismus. Wikipedia beziffert den Anteil von nichtreligiösen Menschen auf etwa 35 Prozent. Das sind stark variierende Zahlen, weisen aber doch auf eine gewisse weltanschauliche Vielfalt hin. Wie spiegelt sich diese in der Gesellschaft und den Medien Russlands wieder, z.B. in Bezug auf Muslime, Juden andere religiöse Minderheiten?

Die Zahl der 20 Prozent der praktizierenden Christen kann ich schwer glauben. Diesen Anteil der Religiösen könnte ich eher in die 90er Jahre einordnen. In den letzten zehn bis 15 Jahren hat er sich deutlich erhöht. Den Unterschied konnte ich beim Besuch in Russland 2010 deutlich spüren: Viele Menschen, die ich früher eher als nichtreligiös bezeichnet hätte, haben ihre Weltanschauung komplett geändert.

Was Muslime in Russland angeht – nun, das ist wirklich sehr interessant. Seit den vielen Konflikten mit kaukasischen Republiken, haben es die Muslime nicht leicht in Russland. Gläubige Orthodoxe akzeptieren nur schwer andere Glaubensrichtungen und Atheisten in Russland haben eine sehr radikale Einstellung gegenüber Muslimen, weil sie die Muslime mit Extremismus gleichsetzen. Das konnte ich auch in vielen atheistischen Online-Foren und den sozialen Netzwerken feststellen. Diese „radikalen“ Atheisten würden am liebsten alle Muslime aus dem Land vertreiben.

Doch die andere Seite in Bezug zu den Muslimen zeigte sich nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo. Man konnte ein einzigartiges Paradox beobachten: man bekam das Gefühl, dass sich die russischen Muslime und Christen zusammengeschlossen haben, nur um den westlichen Werten entgegenzustehen. Die russischen Muslime kritisierten scharf Charlie Hebdo und „rechtfertigten“ so quasi die Attentate und bekamen dabei enorme Unterstützung von der orthodoxen Gemeinschaft.

Aber auch die militärische Hilfe für Russland durch tschetschenische Soldaten im Krieg in der Ostukraine hat die Reibungen zwischen den Orthodoxen und Muslimen auf wundersame Weise etwas abgeschwächt. Und die neueste Meldung von den Muslimen klingt auch einfach unglaublich, ist aber wohl wahr: sie wollen eine neue Moschee bauen und diese nach Putin benennen Das hat ihnen nun wieder einige „Pluspunkte“ von den Orthodoxen eingebracht.

Also sobald die Muslime Meldungen kommen, die für die Regierung günstig sind, dann wird das in allen öffentlichen Medien ausführlich berichtet. Ansonsten ist die orthodoxe Kirche doch die deutlich dominante Religionsgemeinschaft in den Medien. Und allein in Moskau werden in einem neuen Projekt 200 neue orthodoxe Kirchen gebaut. Vor kurzem hat ein Duma-Abgeordneter sogar den Vorschlag gemacht, nicht 200 sondern 400 neue orthodoxe Kirchen in Moskau zu bauen.

Was die jüdische Minderheit angeht, nun, da ist die Lage nicht so extrem wie mit den Muslimen, aber unter Privatleuten hört man regelmäßig anti-jüdische Äußerungen. Ich würde nicht sagen, dass sie in der Öffentlichkeit diskriminiert werden, andererseits kann man aber im Staatsfernsehen in den Nachrichten sehen, dass z.B. die Duma-Abgeordnete Elena Mizulina meint, sie würde die Juden lieber verschwinden lassen.

Und dass es unter Orthodoxen viele gibt, die den Holocaust leugnen, ist nun leider auch eine Tatsache. Also, das ist eine sehr widersprüchliche und sehr schwer zu verstehende eigene Welt in Russland.

Und worin mögen nun die Ursachen für die massive Re-Klerikalisierung liegen?

Die Re-Klerikalisierung ist ein politisches Werkzeug. Die Regierung hat es sehr schnell verstanden: je größer der religiöse Einfluss in der Gesellschaft ist, umso einfacher ist es, diese Gesellschaft zu lenken. Vor allem in den Provinzteilen Russlands, wo es massiven Drogen- und Alkoholmissbrauch gibt, versucht man die Rolle der Kirche dominant werden zu lassen. Das funktioniert dann durch viele Projekte, wie z.B. der Bau von weiteren hunderten orthodoxen Kirchen und der Gründung von religiösen Vereinen, die Drogenabhängigen ihre Hilfe anbieten. Diese Projekte haben wirklich eine unglaubliche Wirkung. Die Kirche ist sehr regierungsnah und das gewonnene Vertrauen durch die Kirche garantiert neue Wählerstimmen für die heutige Regierung. Die Kirche propagiert immer stärker traditionelle, orthodoxe – ich betone das immer wieder, weil andere Konfessionen, auch christliche, eher missachtet werden – Werte, was in den Menschen den Drang nach Freiheit und irgendwelcher Änderung ihres Lebens unterdrückt.

Könnte es auch damit zu tun haben, dass es die Menschen in Russland nicht gewohnt sind, sich um ihre weltanschaulichen Anliegen zu kümmern, weil das früher der kommunistische Staat gemacht hat?

Das ist richtig. Die Menschen in Russland haben leider nie gelernt, was es heißt, frei zu sein. Jahrzehntelange kommunistische Geschichte begleitet von vielen Repressionen hat die Menschen so sehr eingeschüchtert, dass auch die 90er Jahre das Verhalten und die Gewohnheiten der Menschen nicht richtig ändern konnten. Sie hatten wichtigere Sachen zu erledigen, als sich um ihre Weltanschauung zu kümmern. Die Menschen wussten nicht, was sie mit der neu erworbenen Freiheit anstellen sollten. Das was sie früher nur aus dem Fernsehen kannten, den Westen, konnten sie nun live erleben. Da hatte man wirklich keine Zeit sich mit den hochphilosophischen oder weltanschaulichen Fragen zu beschäftigen. Dann kam der neue Machtwechsel und die letzten Jahre erinnern nun wieder sehr stark an die alte Geschichte. Die Regierung hat schnell zwei Werkzeuge eingeführt, antiwestliche Propaganda und die Kirche mit den traditionellen Werten, um die Menschen zu beschwichtigen. Die Minderheit, die sich schon immer um ihre weltanschaulichen Ansichten kümmerte, wurde immer stiller. Sich irgendwie aktiv zu zeigen, für die Menschenrechte einzusetzen, oder für demokratische Werte zu kämpfen, könnte die russische Regierung sehr schnell unzufrieden machen und das fürchten viele Menschen. Sie wollen einfach nicht ins Gefängnis.

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Besucherinnen einer orthodoxen Vigil anlässlich der 20. Woche nach Pfingsten 2014. Religion lieferte den Menschen in der zerfallenden russischen Gesellschaft während der letzten Jahrzehnte zunehmend Halt und Orientierung. Foto: spbpda / Flickr / CC BY-SA

Sie haben vorhin von Skeptiker-Gruppen in Russland gesprochen. Gibt es denn echte Organisationen wie die Gesellschaft für wissenschaftliche Untersuchung von Parawissenschaften oder das US-amerikanische Center for Inquiry in Russland?

Zur heutigen Zeit sind mir keine aktiven Zentren dieser Art bekannt. Bis vor einigen Jahren gab es tatsächlich eines, das ziemlich aktiv war. Gegründet worden war es unter anderem von dem ehemaligen RG-Präsidenten Kuvakin. Seine Hauptaufgabe war gegen die Pseudowissenschaften zu kämpfen. In den 90er Jahren haben sich sehr viele pseudowissenschaftliche Gruppen und Aktivisten in der Gesellschaft verbreitet. Es gab viele Scharlatane, die sehr teure alternative „medizinische“ Hilfe anboten, welche vielen Menschen schadete und zu vielen Todesfällen führte. Astrologie verbreitete sich auch sehr schnell. Viele Menschen machten immer häufiger ihre Entscheidungen von astrologischen Vorhersagen abhängig. Ich kann es zwar nicht mit genauen Zahlen belegen, aber aus meiner persönlichen Erfahrung heraus kann ich sagen, dass heute sehr viele Russen Astrologie für eine Wissenschaft halten. Das Zentrum gegen Pseudowissenschaft war einige Jahre sehr aktiv, aber das Alter der Mitglieder war hoch und nachdem die meisten Mitglieder in die Rente gingen, konnten keine Nachfolger gefunden werden, die bereit waren, die Arbeit fortzusetzen. Damit wurde das Zentrum aufgelöst. Die Moskauer Skeptiker-Gruppe ist zwar aktiv und die Menschen treffen sich öfter, um über aktuelle Themen in der Wissenschaft oder Pseudowissenschaft zu sprechen aber es gibt keine Bewegung, die etwas gegen die stark verbreitenden Pseudowissenschaften oder Scharlatane unternehmen würde. Ich nenne mal ein Beispiel: Vor einigen Jahren gab es sogar eine tägliche Fernsehsendung im Staatsfernsehen, die alternative Methoden der Medizin verbreitete. Dann verschwand der Moderator für einige Monate, weil er der Scharlatanerie beschuldigt wurde und einige Monate später tauchte er dann wieder im öffentlichen Staatsfernsehen, in einem etwas geänderten Sendeformat. Man findet heute viele Sendungen mit ähnlichen Scharlatanen, die über Astrologie, Heilkunde, übernatürliche Kräfte und „frühere“ Leben berichten – und das alles im öffentlichen Staatsfernsehen zu Hauptsendezeiten! Es wird leider nichts dagegen unternommen.

Was ist mit Frauenrechtsorganisationen – gibt es hier noch relevante Institutionen?

Es gibt auch heute noch registrierte Frauenrechtsorganisationen. Es hat hier aber eine interessante Entwicklung gegeben: die Frauenbewegung hat eine lange Geschichte in Russland. Vor allem zu Sowjetzeiten war sie besonders stark, da das damalige Regime auch teilweise daran interessiert war, die Frauen in den Aufbau des sozialistischen Systems einzuschließen. In den 90er Jahren war es eher schwieriger für die Frauenorganisationen, da der Staat nicht in der Lage war, sie finanziell zu unterstützen. Und leider konnten sie es nicht schaffen, vom Staat unabhängig zu werden. In den letzten Jahren hat der Staat immer mehr die religiöse Grundlage für diese Organisationen propagiert, was ja nicht so richtig mit dem Feminismus vereinbar ist. Man konnte somit eine Aufspaltung der Frauenbewegung beobachten: in eine, die sehr regierungsnahe ist und sich zwar für Frauen in Führungspositionen einsetzt aber auch traditionellen und orthodoxen Werten wirbt. Und die andere Richtung ist die feministische Bewegung, deren Handlungsfreiheit immer mehr eingeschränkt wird in letzter Zeit. Die feministische Bewegung hat sich nun in die virtuelle Welt verschoben und findet jetzt hauptsächlich nur noch online statt. Es gibt Gruppen mit vielen Mitgliedern in sozialen Netzwerken, die versuchen ihre Ideen auf diese Weise zu verbreiten. In der realen Welt ist diese Bewegung aber praktisch ganz passiv geworden.

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Pierre Galand (r.) mit Aktivisten der Good Sense Foundation. Foto: EHF

Wie steht es denn um die Solidarität in der russischen Gesellschaft insgesamt, und auch zwischen den einzelnen humanistisch geprägten Gruppen?

Das ist schwierig. Was humanistische Überzeugungen und Werte angeht, sieht man wenig Solidarität vom Großteil der Bevölkerung. Fast 85 Prozent der Gesellschaft zeigt sich solidarisch mit den Gleichgesinnten des Kremls. Solange die Aktivitäten der Menschen nicht der Staatsideologie wiedersprechen, dann ist der Zuspruch und Zusammenhalt in der Bevölkerung ganz schön groß – auch wenn sich die Lebensqualität deutlich verschlechtert hat in den letzten Jahren, doch die Menschen kümmert das nur wenig. Es geht ihnen nur darum dem Westen zu beweisen, dass sie die „Besseren“ und die „Stärkeren“ sind. In einem imaginären Krieg kämpfen sie gegen den Westen und seine Werte. Sobald sich einzelne Aktivisten und Andersdenkende, die für Menschenrechte, humanistische Werte, oder Einhaltung der russischen Verfassung kämpfen, zu Wort melden, stehen sie praktisch alleine da. Auch die Politik gibt solchen Menschen oder Organisationen nicht die Möglichkeit, sich zu entwickeln oder stärker zu werden. Sobald einige Aktivisten mehr Aufmerksamkeit von Seiten der Bevölkerung bekommen, wird ihnen schnell irgendein Urteil angehängt. So ist das auch bei den humanistischen und atheistischen Organisationen. Wenn es um humanistische Werte geht, dann kommt man bei irgendwelchen Entscheidungen nicht um die Politik herum. Und dann ist es ein Problem. Denn die Beachtung der Menschenrechte und menschlichen Freiheiten sind ein wichtiger Bestandteil der humanistischen Weltanschauung, und genau das funktioniert in Russland nicht mehr. Die Verfassung wurde praktisch außer Kraft gesetzt, die meisten entsprechenden Paragraphen werden nicht mehr eingehalten. Wenn die russischen Humanisten sich aber zu irgendeinem aktuellen Problem äußern wollen, z.B. in einer Stellungnahme zu den Attentaten in Paris und „Je suis Charlie“, dann wird erstmal lange diskutiert, ob sie das machen können und wenn ja, ob sie dann Probleme mit dem Gesetz bekommen. Die Zusammenarbeit mit den Atheisten, Skeptikern oder mit der Good Sense Foundation funktioniert praktisch nicht, weil die letzteren versuchen, alle „schärferen“ Fragen aus ihrer Arbeit auszuschließen. So ist jeder auf sich alleine gestellt. Die russischen Humanisten versuchen mit aller Kraft, sich noch über Wasser zu halten. Aber ob sie es denn wirklich schaffen, wird sich in naher Zukunft zeigen.

Erhalten die russischen Säkularen irgendeine Unterstützung aus dem Ausland?

Vor wenigen Jahren ist ein neues Gesetz in Kraft getreten, nachdem alle nichtstaatlichen Organisationen, die finanzielle Unterstützung aus dem Ausland bekommen, als ausländische Agenten – oder einfacher ausgedrückt als ausländische Spione – gelten. Ob das nur ab einem bestimmten Betrag oder unbeschränkt gilt, das ist mir nicht bekannt, ich vermute aber das letztere. Bei der RGO hat in den letzten Jahren fast nichts richtig funktioniert, es gab keine Mitgliedsbeiträge und damit hat sie ihren juristischen Status verloren. Nach langen Diskussionen haben sich die noch aktiven Mitglieder darauf geeinigt, wieder Mitgliedsbeiträge einzuführen, um wenigstens die Fortsetzung der Webseite der russischen Humanisten und die Mitgliedsbeiträge bei der IHEU bezahlen zu können. Wenn genug Geld zusammenkommen sollte, dann wird die jährliche Konferenz zum Humanistentag doch stattfinden können. Das Zahlungssystem, durch welches die Mitglieder ihre Beiträge bezahlen können heiß Yandex.Money und ist ausschließlich für Einheimische zugänglich. Ich zähle z.B. als Mitglied der RGO, kann die Organisation aber nicht unterstützen, weil das Zahlungssystem keine Zahlungen aus dem Ausland ermöglicht. Ich habe mich etwas mehr informiert und anscheinend kann man als Ausländer eine Zulassung beantragen, wenn man eine ausführliche Information über die eigene Person zusammen mit Ausweisdaten und Informationen zum Wohnsitz an die Verwaltung von Yandex abschickt. Also alles sehr suspekt, denn man weiß ja nicht, wo die Daten letztendlich landen werden. Und ich bezweifle auch, dass jemand aus dem Ausland da mitmachen würde. Bei der Good Sense Foundation sieht’s genauso aus, sie verwenden auch das Yandex-System. Somit ist die finanzielle Unterstützung aus dem Ausland technisch gar nicht möglich. Was aber die nichtfinanzielle Unterstützung angeht, ist auch das schwierig. Jemand von der Moskauer Gruppe hat mehrmals versucht mit Hilfe der IHEU herauszufinden, was die RGO denn tun könnte, um aus dieser schwierigen Situation rauszukommen. Bisher leider vergeblich.

Worin könnte neben den finanziellen Problemen eine Lösung und dauerhafte Perspektive zur Verbesserung der Lage der russischen Humanisten liegen?

Das ist eine wirklich gute Frage. Wie ich schon sagte, hat die RGO ein großes Problem, überhaupt die Ziele ihrer Arbeit zu formulieren. Ich finde, genau da sollten sie anfangen. Da haben tatsächlich schon einige Mitglieder oder neue Interessenten gefragt, was denn nun die Aufgaben der Organisation sind. Dazu gibt es aber im Moment – und schon seit einigen Jahren – keine Dokumente. Die meisten Mitglieder haben Angst, dass sie sofort Probleme mit der Regierung bekommen, wenn sie aktiver werden. Die Angst ist natürlich nachvollziehbar, aber ich bin der Meinung, dass die russischen Humanisten den Kampf mit der Krise verlieren werden, wenn alles so bleibt. Sie sollten anfangen zu handeln und nicht nur hinter ihren Bildschirmen sitzend miteinander zu diskutieren, wenn sich letztendlich nichts ändert. Sie sollten anfangen, sich im realen Leben zu treffen, ihre Ideen „live“ zu diskutieren. Bei der Good Sense Foundation klappt das besser, weil sie sich vielleicht strickt auf den „Kampf“ gegen die Re-Klerikalisierung konzentriert haben. Auf jeden Fall sollten die Humanisten nach einer engeren Zusammenarbeit mit der Good Sense Foundation streben.

Der Pflichtunterricht zu den Grundlagen der orthodoxen Religion an allen russischen Schulen ist eines der größten Probleme der Gesellschaft. Astronomie wurde ganz aus den Schulen „verbannt“, und wie ich sagte, werden viele naturwissenschaftliche Fächer, aber auch kulturell bildende Fächer, von der orthodoxen Kirche zensiert. Die Kinder werden also von klein auf indoktriniert. Ich finde, dass die russischen Humanisten in gemeinsamer Arbeit mit der Good Sense Foundation genau da, in den Schulen, anfangen sollten. Sie sollten dafür kämpfen, dass Ethikunterricht, wo auch humanistische Werte gelehrt werden, in die Schulen eingeführt wird und dass nicht eine spezielle Religion unterrichtet wird, sondern über die Religion allgemein und über ihren Einfluss auf die Geschichte informiert wird – ohne die „Gehirnwäsche“, wie sie momentan in den Schulen stattfindet. Sobald diese Ziele klar formuliert sind, und die ersten Arbeiten für die Realisierung der Ziele gemacht werden, würden die Humanisten und andere säkulare Organisationen deutlich mehr Gleichgesinnte anziehen.

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